Unser „Altes Backes”

Die Geschichte unseres Backes / Bürgermeisteramtes

Unser „Altes Backes” befindet sich in der Rathausstraße 1 und wurde bis 1923 ausschließlich als Backhaus genutzt. Danach wurde es aufgestockt und diente bis zur Eingemeindung im Jahr 1972 auch als Bürgermeisteramt. Die Immobilie ging später in Privateigentum über, wurde jedoch jüngst wieder von der Stadt Dillenburg erworben.

Wir als Verein bemühen uns, das Gebäude schrittweise zu sanieren bzw. zu renovieren, den Backbetrieb wieder aufzunehmen und Lagerflächen sowie nutzbare Räume für Manderbacher Vereine zu schaffen.

Hinter dem „Backes” befindet sich der „Bullenstall”. Hier stand früher der Zuchtbulle aus dem Dorf. Heute wird der „Bullenstall” vom Verschönerungsverein als Werkstatt und Lagerfläche genutzt.

Mit den rohen Broten unterwegs zum Backes
Die Teiglinge mussten vorsichtig zum Backes transportiert werden
Die fertigen Brote wurden auf einem Stoßkarren nach Hause gebracht

Als das Backes noch rauchte

von Ernst Heimann

Nach dem großen Brand in 1825 wurde auch das Backhaus in Manderbach ein Opfer der Flammen. Es dauerte dann bis zum Jahre 1832, ehe man ein neues Backhaus in der damaligen „Höhlerstraße“, jetzt „Rathausstraße“, neu aufbaute. Aus Bruchsteinen eingeschossig erbaut, diente es bis zum Jahre 1923 nur dem Backhausbrauch. In diesem Jahr wurde dann das Backhaus aufgesteckt. Die neu geschaffenen Räume dienten dem Bürgermeister bis zur Eingemeindung nach Dillenburg (am 31.12.1971) als Dienstraum. Im Dachgeschoß war noch eine Zweizimmerwohnung vorhanden.

Die Sorge um das tägliche Brot ist so alt wie die Menschheit schlechthin. Obwohl wir heute unser Brot beim Bäcker kaufen, denken wir doch oft mit Wehmut an jene Zeit zurück, als unser Backhaus noch rauchte. Doch sind es sicher schon dreißig Jahre her, daß der Backofen das letzte Mal angeheizt wurde. Seit jener Zeit hat man im „Backhaus“ um- und abgebaut, und der Raum wurde heute mehr oder weniger zweckentfremdet verwandt. Das Backhaus ist für alle Zeiten gestorben, denn die Stadt Dillenburg hat es in Privat­hand verkauft.

Ausspielen des Backreihen

Wenn es am Donnerstag vom Kirchturm elf Uhr läutete, trafen sich die „Backlustigen“ mit dem Polizeidiener des Ortes am Backhaus. Die Frauen hatten damals noch große Schürzen umgebunden, und in eine solche Schürze kamen dann die mit Namen versehenen Bretter der Anwesenden. Nun griff der Polizeidiener oder eine andere Person in die hochgegraffte aber inhaltlich einsehbare Schürze und zog ein Brettchen nach dem anderen heraus. In dieser so gezogenen Reihenfolge wurde dann am kommenden Montag gebacken. Beim Anheizen des Backofens wechselte man sich montags ab.

Vor dem Backtag stellte man den Backtrog auf zwei Stühlen in der Küche bereit, ebenso einen Sack Mehl und im blau gemusterten Westerwälder Steinguttopf den Sauerteig, dazu etwas lauwarmes Wasser. Der Brotteig wurde nun angemengt und konnte über Nacht „gehen“. Am anderen Tag wurde dann der vorbereitete Teig, das Eingemenge, vollständig, indem man unter ständigem Rühren weiteres lauwarmes Wasser und die erforderliche Menge Salz beimengte. Daraus wurde ein zähflüssiger Brei. Jetzt war Kraft gefragt. Zunächst wurde Mehl über die im Backtrog befindliche Masse gestreut, dann knetete und walgte man den Teig auf dem Boden des Backtroges so lange, bis der Teig die richtige Festigkeit zum Formen der Brote hatte. Es war eine schweißtreibende Arbeit, und ein Helfer war zum Abputzen der Schweißperlen herzlich willkommen. In den vorher gewaschenen „Steinguttopf“ musste für den nächsten Backtag wieder ein wenig Sauerteig gefüllt werden, denn gewöhnlich wurde im Abstand von 14 Tagen gebacken.

 

Die auf ein langes Backbrett gelegten Brotteiglaibe wurden noch mit einer Gabel angestochen oder mit einer Tasse gezeichnet, damit eine Verwechslung ausgeschlossen war, denn schließlich waren ja zwei oder drei Familien an einem Backvorgang beteiligt.

Zum Anheizen des Backofens benötigte man mehrere Reisigbündel, man nannte sie hier „Schanzen“, die mit einem „Stoßkarren“ zum Backhaus transportiert wurden. Bis der Backofen die nötige Hitze hatte, dauerte es schon eine ganze Weile. Glühte nun der Ofen weiß vor Hitze, dann wurde mit an den „Kratzer“, gebundenem Strohhalmen die richtige Temperatur überprüft. Alle Schieber am Ofen wurden nun aufgezogen und die im Ofen verbliebene Holzkohle mit dem „Kratzer“ oder auch „Backeskess“ genannt, aus dem Ofen gezogen. Mit einem an einer langen Stange befestigten nassen „Strohwisch“ fegte man die Asche aus dem glühenden Backofen. Mit dem „Backesschessel“ wurden nun die Brote in den Ofen eingeschossen. Damit sie später schön knusprig waren, bestrich man sie vorher nochmals mit Wasser. So an die 30 Brote passten in den Backofen. Nach einer gewissen Zeit wurden die Brote mit dem „Backesschessel“ herausgeholt und nochmals mit Wasser bestrichen. Man sagte dazu, das Brot wird „gesalbt“.

 

Oft hatte die Hausfrau auch noch aus Teigresten ein kleines Brot gefertigt, in das sie Apfelstückchen eingelegt hatte. Das „Äppellebche“ schmeckte den Kindern besonders gut. Es wurde eine viertel Stunde vor Ablauf des Brotbackens erst in den Ofen geschoben. Nach gut einer Stunde war das Brot gebacken. Auf großen Brettern lagen nun die knusprig-braunen Brotleibe. Mit dem Stoßkarren oder auf den Schultern wurden sie nun nach Hause befördert. „Rings Minche“ trug die Brote zu und aus dem Backhaus mit dem vorher genannten großen Brett noch auf dem Kopf. Dazu hatte sie einen „Ketzel“ (Stoffteil) zwischen Kopf und Holzbrett gelegt.

Nachdem die Brote aus dem Ofen genommen waren, verblieb immer noch so viel Hitze im Ofen, dass darin noch Kuchen gebacken werden konnte. Das konnten sowohl „Röwwelkuche, Qwotschekuche“ oder „Äppelkuche“ sein.

Sogar das Manderbacher Nationalgericht „Matzkuchen“, ein Gebäck aus geriebenen rohen Kartoffeln mit Salz und obendrauf kleine Schmalzbröckelchen, ließ sich in einer Blechpfanne noch gut backen.

Interessant waren aber auch die Dorfereignisse, die hier im Backhaus lautstark erzählt wurden und mit mancher Seltsamkeit verziert waren. Auf diese Weise wurde eine Art „Dorfzeitung“ auf die Reise geschickt.

Ihm Backes, doh worsch ihm Wönder schie worm,
doh schlöch mörr sich nie, hehl seij Maadche ihm Orm, pöff dah dej „Hamelmaus“ noch „trillerie“: —
Ihr Könn, woss worsch dah ihm Backes suh schie!

Im Manderbacher Mundart Gedicht lesen wir:

Ihm Backes, doh worsch ihm Wönder schie worm,
doh schlöch mörr sich nie, hehl seij Maadche ihm Orm, pöff dah dej „Hamelmaus“ noch „trillerie“: —
Ihr Könn, woss worsch dah ihm Backes suh schie!

Ein weiteres Gedicht, das in Manderbacher Mundart geschrieben wurde:

Wenn dej Backesreihe wowwern ausgespielt,
machte dähr Polizeidiener doss ganz gezielt.
Önn Durschdich eme elf, wenn‘s Middog dät läure,
dät eus Polizeidiener uff de griehsde Schierze deure.
Doh nie kohme dej „Backesbrärercher“, doss öss nett geloije onn wowwern dah dörr Reih noh wörrer rausgezoije.

Ih dähr Reih’ ging’s dah ohm Monich ihm Backes wörr luhs, Mett Brud onn mett Matz, ob klaah owwer gruhs.

Bis zouw finf Doog worrn fiers Brud gedocht,
dähr Rest fiern Kuche, ob onn zouw aach de Nocht.
Suh ging ah Joohr nohm annern hie: — Ihr Könn, woss worr doss ihm Backes suh schie.